BRIEF AN DIE PROTAGONISTEN

Liebe Edda, lieber Achim,

ich schreibe Euch, weil ich etwas auf dem Herzen habe, etwas, das noch unausgesprochen blieb...ich fand die richtigen Worte und Gedanken bislang nicht und hoffe, dass es mir in diesem Brief gelingt. Es geht um einen Film, den ich gerne mit Euch machen würde. Es fällt mir schwer, das Wesen eines Filmes im Voraus zu erfassen. Ich kann es meist nur erahnen, bzw. erfühlen. Ich möchte aber versuchen, ein paar “neuralgische” Punkte hervorzuheben, die wichtig für den Film sein können, jedoch kein strenges Konzept ergeben. Es ist ein sehr persönliches Projekt. Die Entstehungsgeschichte ist eng verwoben mit meiner eigenen Suche, oder vielmehr Bewegung zwischen den Ländern und den Orten.

Die Idee oder das Herz des Filmes hat sich vor zwei, drei Jahren auf meiner Reise in den Norden Deutschlands entwickelt. Für mich war das eine ungewöhnliche “Rückkehr” an einen Ort, den ich nie wirklich als Heimat empfunden habe, der mich plötzlich aber mit seiner kühlen, abweisenden und zugleich vertrauten Atmosphäre anzog: die weite Landschaft, die dunklen Dörfer, die riesigen Bauernhöfe, die ordentlich gefegten Gehwege, die sterilen Einfamilienhäuser. Und vor allem diese Menschenleere. Keine Wärme oder Zärtlichkeit.Dann “mein” Haus. Es existiert nicht mehr, d.h. es steht zwar noch, ist aber bis zur Unkenntlichkeit renoviert, modernisiert. Die Tannen, die große Eiche, der verwachsene Garten – alles abgesägt, abgemäht, abgeschnitten. Nackt und kahl. Wie aus einem anderen Leben.

Ich beschreibe das so eindringlich, weil diese Bewegung so wichtig ist für die Filmidee – oder vielmehr für das “Gefühl”, diesen Film machen zu wollen.

Im Verlauf dieses (meines) Eindringens entstand die Figur eines Jungen, der sich durch die– se Gegend bewegt – eine Gegend, die in ihrer Verlassenheit fast so wirkt, als wären die Menschen Hals über Kopf geflüchtet; als hätte es eine Katastrophe gegeben (welche Art von Katastrophe ist unwichtig, denn die Möglichkeiten sind vielfältig und die Vorstellungen, Visionen lebendig in unseren Köpfen). Wir wissen nicht genau, woher der Junge kommt, wonach er sucht. Er dringt in Euren Garten, ins Haus, in Euer Leben ein.

Euer Garten – wild verwachsen, von einer bunten, aber dennoch sanften Lebendigkeit mit den phantasievoll arrangierten Details und “Stillleben”. Eine Insel. Ein Kontrast zum Außen. Ein “verwunschener Ort”, voller Poesie. Hinter jeder Poesie verbirgt sich auch ein Widerspruch, ein Drama...

Wie (über)lebt man in diesem entfremdeten Außen, das Euch (drei) umgibt? Was ist übrig geblieben an Objekten, an Dingen, an Gedanken, an Erinnerungen?

Es geht mir nicht um eine dokumentarische, bzw. authentische Abbildung der Umgebung, bzw. Eurer oder meiner Welt.Vielmehr suche ich nach dem Punkt, an dem die Fiktion, die Wünsche, Sehnsüchte und Phantasien beginnen. Es ist die Suche nach etwas Neuem, das im Moment noch undefiniert, bzw. offen bleiben kann, das man zusammen erkunden muss.

In diesem Brief kann und möchte ich Euch nur einen ersten Eindruck, eine Idee oder ein Gefühl vermitteln, welche Richtung der Film einschlagen kann.

Wichtig ist: Habt Ihr Lust und Interesse an so einem “Abenteuer”?

Liebe Grüße
Andreas



LETTER TO THE MAIN PARTICIPANTS

Dear Edda and Achim,

I’m writing to you because I have something to say that has remained unsaid until now. I hadn’t been able to clearly express the words and ideas before, and hope that I’ll succeed through this letter. It’s about a film that I’d love to do with you. It’s hard for me to define the essence of a film in advance. Usually I can only guess, or rather sense, what it might be. Here I’d like to try and highlight a few “fragile” ideas that might be important for the film, but which do not give a fixed concept. It’s a very personal project. The story is closely intertwined with my own search, my own shifting between countries and places.

The idea for this film, or its heart, developed two or three years ago during a trip to north–ern Germany. For me, it was a strange kind of “homecoming,” to a place that never really felt like home, but which suddenly attracted me with an atmosphere that was cold and forbidding, yet familiar: the wide–open landscapes, the dark villages, the giant farms, the neatly swept side walks, the sterile middle–class houses. And above all, the deserted spaces. No warmth, no tenderness.

Then there was “my” house. It no longer exists – or actually it’s still there, but now renovated and modernized beyond recognition. The fir trees, the big oak tree, the overgrown garden – all chopped down, mowed away and cleared up. Naked and bald. As if from another life.

I describe this gesture so vividly because it’s crucial for the film idea – or rather for the feeling that inspires me to make this film. During my intrusion into this place, a character emerged in my mind’s eye. A boy who wanders through this place, where the desolation seems to imply a sudden and hasty abandonment, as if there’d been a catastrophe (the precise catastrophe is not important, because the possibilities are endless, with the ideas and visions vivid in our minds). We don’t know where the boy comes from or what he’s looking for. He breaks into your garden, your house, your life.

Your garden – wild and overgrown, with a colorful yet gentle liveliness, its fanciful details arranged like a still life. An island. A contrast to the outside. An “enchanted” place, full of poetry. Behind every poem is also a contradiction, a drama...

How one can live and survive in this alien environment that envelopes you three? What do objects, thoughts and memories leave behind?

I’m not interested in a documentary, “authentic” representation of the environment, of your world or mine. Instead, I’m searching for the point at which fictions, wishes, desires and fantasies begin. It’s the search for something new, which can stay open and undefined for now, something we would need to explore together.

I can only offer you a first impression in this letter, giving you an inkling or feeling of what direction this film might take.

Important for me is: Are you up for this “adventure”?

Warmest regards,
Andreas

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